Von Rahel Noser, Jane Goodall Institut Schweiz, zum Welt-Schimpansentag 2026
Am 14. Juli 1960 kam die junge Jane Goodall erstmals im heutigen Gombe Nationalpark in Tansania an, um das Verhalten von wilden Schimpansen zu erforschen. Sie blieb jahrzehntelang und legte den Grundstein dafür, wie wir heute Schimpansen verstehen – und uns selbst.
Seit 2018 wird am 14. Juli jedes Jahr der internationale Welt-Schimpansentag gefeiert. Es ist eine Hommage an Jane Goodalls fundamentale Erkenntnisse und an die Schimpansen selbst – und ein Aufruf, diese spannenden Tiere und ihre Lebensräume besser zu schützen.
Schimpansen haben Traditionen
Jane Goodall stellte bei ihren Beobachtungen in Gombe bald fest, dass Schimpansen voneinander lernen. Sie beschrieb, wie die Tiere sorgfältig Grashalme und Stöcke auswählten und bearbeiteten, um damit Termiten zu „angeln“ – ein Verhalten, das nicht angeboren, sondern erlernt schien.
Rückblickend schrieb sie:
„Es handelt sich um eine soziale Tradition, die das Entstehen einer primitiven Kultur darstellt – sofern Kultur aus Verhaltensmustern besteht, die durch Nachahmung oder Unterweisung weitergegeben werden.“
Damals wurde die Vorstellung, dass Schimpansen Kultur haben, von grossen Teilen der wissenschaftlichen Gemeinschaft abgelehnt. Viele Forschende gingen davon aus, dass tierisches Verhalten entweder genetisch festgelegt oder das Resultat von individuellem Ausprobieren und Lernen aus Fehlern ist. Janes Beobachtungen stellten diese Annahme infrage und ebneten den Weg für jahrzehntelange Forschung, die zeigte, wie komplex Schimpansen tatsächlich sind.
Eine beeindruckende Vielfalt an Traditionen
Forschende begannen, Schimpansen in weiteren Feldstationen in Afrika zu beobachten. Dies ermöglichte mit den Jahren, dass das Verhalten verschiedener Schimpansengruppen miteinander verglichen werden konnte. Dabei zeigte sich, dass sie eine erstaunliche Vielfalt an Werkzeugen nutzen – nicht nur zum Termitenangeln, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen.
Sie verwenden Steine, um hartschalige Nüsse zu knacken, fertigen Schwämme aus Blättern an, um Wasser zu trinken und nutzen spitze Stöcke als Speere, um andere Tiere zu jagen. In einigen Regionen setzen Schimpansen beim Termitenangeln zwei verschiedene Werkzeuge in Folge ein. Zunächst öffnen sie mit einem dicken Stock die harte Aussenschicht des Termitenbaus. Dann führen sie einen flexiblen Zweig mit einer pinselartigen Spitze in die verzweigten Gänge ein. Die wehrhaften Termiten klammern sich an die Fasern – nur um herausgezogen und genüsslich verspeist zu werden.
Lernen durch Beobachtung
Schimpansen sind hochsoziale Tiere und aufmerksame Beobachter. Junge Schimpansen verbringen viele Jahre damit, ihre Mütter und andere Mitglieder ihrer Gruppe zu beobachten, ihr Verhalten nachzuahmen und sich so nach und nach die Fähigkeiten anzueignen, die sie zum Überleben benötigen.
Forschungen haben gezeigt, dass das Erlernen komplexer Verhaltensweisen viele Jahre dauern kann. Das Knacken von Nüssen mithilfe von Werkzeugen beispielsweise erfordert bis zu zehn Jahre Übung.
Durch Beobachten, Nachahmen und wiederholte Erfahrung übernehmen junge Schimpansen einen grossen Wissensschatz von ihren Müttern und anderen Tieren. Dieser Prozess des sozialen Lernens führt dazu, dass sich in verschiedenen Schimpansengruppen jeweils eigene Traditionen entwickeln.
Vom sozialen Lernen zur Kultur
Jede Schimpansengruppe besitzt einen einzigartigen Wissensschatz, der über Generationen hinweg entstanden und an die jeweiligen Lebensbedingungen angepasst ist. Besonders anschaulich zeigt sich dies an den unterschiedlichen Körperhaltungen, die drei Schimpansengruppen in Zentralafrika beim Termitenangeln einnehmen. Die Tiere der Wonga-Wongué-Gruppe liegen dabei auf der Seite, die Schimpansen der Korup-Gruppe stützen sich typischerweise auf ihre Ellbogen, während die Goualougo-Schimpansen aufrecht sitzen. In jeder dieser Gruppen geben erfahrene Tiere ihre jeweilige Technik des Termitenangelns an andere Gruppenmitglieder weiter, die diese übernehmen – es entsteht eine Tradition.
Die Summe der Traditionen jeder Schimpansengruppe ist ein unersetzlicher Teil ihres Erbes. Erst allmählich beginnen wir zu verstehen, wie viele alltägliche Verhaltensweisen von Schimpansen sozial erlernt werden – von der gegenseitigen Fellpflege über ihre Nahrungsauswahl bis hin zur Art und Weise, wie die Jungtiere miteinander spielen.
Warum das wichtig ist
Die zunehmende Erkenntnis, in welchem Mass das Verhalten von Schimpansen kulturell bedingt ist und sich von Gruppe zu Gruppe unterscheidet, hat weitreichende Bedeutung für den Naturschutz.
Wenn eine Schimpansengruppe durch Lebensraumverlust, Wilderei, Krankheiten oder andere vom Menschen verursachte Einflüsse verschwindet, verlieren wir weit mehr als einzelne Tiere. Es geht ein ganzer Wissensschatz verloren, der sich über Generationen hinweg unter ganz bestimmten ökologischen Bedingungen entwickelt hat.
Da manche kulturellen Verhaltensweisen die Fähigkeit einer Gruppe verbessern können, in ihrer Umgebung zu überleben, hat dies wichtige Konsequenzen für den Naturschutz. Um die Zukunft der Schimpansen zu sichern, müssen wir deshalb nicht nur einzelne Tiere, Populationen und ihre genetische Vielfalt schützen, sondern auch ihr Wissen und ihre reiche kulturelle Vielfalt.
Janes Vermächtnis lebt weiter
Am Welt-Schimpansentag feiern wir die wegweisende Arbeit von Jane Goodall und diejenige von zahlreichen weiteren Forschenden, die sich durch sie inspiriert fühlten, den aussergewöhnlichen kulturellen Reichtum von Schimpansen weiter zu erforschen. Wir feiern die Schimpansen selbst und bekräftigen unser Engagement, dafür zu sorgen, dass die Schimpansenkulturen auch für kommende Generationen erhalten bleiben.
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Literatur
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