Schimpansenzählung im Bwindi Impenetrable National Park, Uganda

Ein verborgenes Leben im Regenwald sichtbar machen

Der Bwindi Impenetrable National Park im Südwesten Ugandas gehört zu den artenreichsten Regenwäldern Afrikas (Abbildung 1). Weltweit bekannt ist er vor allem für seine Berggorillas. Weniger bekannt ist jedoch, dass in diesem dichten montanen Wald auch eine Population von östlichen Schimpansen lebt.
Aufgrund des unzugänglichen Geländes und der scheuen Lebensweise dieser Tiere gab es lange Zeit kaum verlässliche Daten über ihre Anzahl und Verbreitung.

Der Name des Parks ist Programm: Der „impenetrable“ – also undurchdringbare Wald – stellt aussergewöhnliche Anforderungen an Forschung und Feldarbeit. Dichte Vegetation, steile und rutschige Hänge sowie die schwierige Zugänglichkeit unterscheiden Bwindi grundlegend von den meisten anderen Wäldern Ugandas. Die Methode der Schimpansenzählung – die Arbeit entlang von Transektlinien – bleibt zwar die gleiche, doch mussten Länge der Transekte und der damit verbundene Zeitaufwand unter diesen Bedingungen zunächst in einer Pilotstudie ermittelt werden.

Da Schimpansen im dichten Regenwald kaum direkt beobachtet werden können, zählen Forschende ihre Schlafnester (Abbildung 2) statt der Tiere selbst. Schimpansen bauen jede Nacht ein neues Nest in den Bäumen. Aus der Anzahl dieser Nester lässt sich die Populationsgrösse zuverlässig abschätzen.

Der Beginn: Pilotprojekt 2024

Um die grossen Herausforderungen dieses Projekts zu meistern, wurde bereits Ende 2024 mit der sorgfältigen Planung begonnen. Ein internationales Team unter der Leitung der Uganda Wildlife Authority (UWA) und der Jane Goodall Institute (JGI) führte im Dezember 2024 eine Pilotstudie im Bwindi-Wald durch. Ziel war es, die Methodik unter realen Bedingungen zu testen, logistische Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und die Feldteams optimal vorzubereiten.

Daniel Hänni, Geschäftsführer des Jane Goodall Institut Schweiz, war Teil des erfahrenen wissenschaftlichen Teams, das diese Studie durchführte. Seit 2009 hat er mehrere Schimpansenzählungen in Afrika durchgeführt und bringt fundierte Erfahrung in dieses Projekt ein. Zusammen mit den ugandischen Feldteams sowie den Wissenschaftlern der Jane Goodall Institute USA und Uganda bildete dieses Team die Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung der Erhebung.

Auch die lokalen Teams brachten umfangreiche Erfahrung aus Zählungen in Wäldern wie Bugoma, Budongo und Wambabya mit. Dennoch stellte das anspruchsvolle Gelände im Bwindi-Wald alle Beteiligten vor neue Herausforderungen, weshalb die Schulung unter diesen Bedingungen ein zentraler Bestandteil der Vorbereitung war (Abbildung 3).

Abbildung 3: Schulung der Feldteams. © JGI

Die Zählung 2025

Transekte
0
Länge je Transekt
0 KM
Gesamtdistanz
0 KM
Beobachter / Team
0

Aufbauend auf den erfolgreichen Vorarbeiten der Pilotstudie konnte im Jahr 2025 die eigentliche Schimpansenzählung planmässig umgesetzt werden. Aus den Erkenntnissen des Pilotprojektes konnte die Methodik gezielt an die besonderen Bedingungen des Geländes angepasst werden.

Für die finale Zählung wurde ein systematisches Stichprobendesign mit parallel verlaufenden Transekten von jeweils 2 Kilometern Länge und einem Abstand von 2 Kilometern verwendet. Die Lage der Transekte wurde mithilfe der Software DISTANCE zufällig generiert, sodass alle Bereiche des Untersuchungsgebiets mit gleicher Wahrscheinlichkeit erfasst wurden. Die Transekte verliefen in Nord-Süd-Richtung, um die unterschiedlichen Höhenlagen des Parks bestmöglich abzudecken und eine repräsentative Datenerhebung zu gewährleisten.

DISTANCE generierte 39 Transekte über den ganzen Park à 2 km Länge – eine Gesamtdistanz von 78 Kilometern (Abbildung 4).

Abbildung 4: Verteilung aller systematisch angelegten Transekte im Bwindi Impenetrable National Park, welche eine gleichmässige räumliche Abdeckung des Untersuchungsgebiets zeigt. © JGI

Jedes Feldteam bestand aus drei erfahrenen Beobachtern, die entlang der Transekte nach Schimpansennestern suchten. Für jedes gefundene Nest wurden verschiedene Daten erfasst, darunter die Position entlang des Transekts, der Abstand zur Transektlinie im rechten Winkel, die Höhe des Nestes, die verwendete Vegetation sowie der Lebensraumtyp (Abbildung 5 und 6).

Schimpansenzählung im Bwindi
Abbildung 5: Eines der Teams mit 3 erfahrenen Beobachtern, einem Ranger (UWA) und einem «Trailcutter». © JGI

Zusätzlich wurde das Alter der Nester anhand ihres Zustands geschätzt. Frische Nester bestanden aus grüner Vegetation und waren wenige Tage alt, während ältere Nester zunehmend verwelkte oder zerfallende Strukturen aufwiesen. Sehr alte Nester zeigten bereits deutliche Auflösungserscheinungen und wurden als älter als etwa drei Wochen eingestuft.

Abbildung 6: Entlang der Transekte werden Schimpansennester gezählt. Alle 250 Meter werden zusätzliche Daten über das Habitat erfasst. © JGI

Bei solchen Zählungen werden auch andere Wildtierspuren dokumentiert. Zu den am häufigsten festgestellten Primaten gehören Berggorilla, östlicher Schimpanse, Diademmeerkatze und Rotschwanzaffe. Weitere Tierarten wie der Waldelefant (Abbildung 7), Schwarzstirnducker, Gelbrückenducker, Blauducker, Buschschwein, Sitatunga sowie eine nicht näher bestimmte Antilopenart konnten erfasst werden.

Abbildung 7: Waldelefanten, die während der Datenerhebung im Bwindi Impenetrable National Park beobachtet wurden. © JGI

Obwohl die Anzahl der Beobachtungen insgesamt begrenzt war, verdeutlicht das Vorkommen dieser Arten – überwiegend anhand indirekter Hinweise wie Kot, Nestern, Spuren und Lautäusserungen – die grosse ökologische Bedeutung des Bwindi-Waldes als Biodiversitäts-Hotspot.

Ergebnisse: Dichte und Bestand der Schimpansen

~426

Schimpansen (geschätzt)

283–641

95% Konfidenzintervall

1.33 / km²

mittlere Dichte

Zur Bestimmung der Populationsdichte wurden zwei etablierte Ansätze kombiniert: die Standing Crop Nest Count Methode und die Marked Nest Count Methode.

Die Standing Crop Methode basiert auf der einmaligen Erfassung aller sichtbaren Nester entlang der Transekte. In diesem Fall wurden 296 Nester während der ersten Begehung dokumentiert (Abbildung 8). Diese Methode erlaubt eine direkte Schätzung der Nestdichte, erfordert jedoch Annahmen (Korrekturfaktoren) zur Zerfallsrate der Nester und zum Nestbauverhalten. Beim Nestbauverhalten handelt es sich darum, dass Schimpansenbabys bis etwa 4 Jahre bei der Mutter im Nest schlafen und noch kein eigenes Nest bauen. Zusätzlich ist bekannt, dass Schimpansen gelegentlich auch ein Tagesnest für einen kurzen Ruheaufenthalt bauen.

Ergänzend wurde die Marked Nest Count Methode angewendet. Dabei wurden während einer zweiten Begehung der 39 Transekte nur noch neu gebaute Nester erfasst (77 Nester), wodurch eine empirisch gestützte Schätzung der Nestproduktionsrate möglich wurde. Die Kombination beider Ansätze erhöht die Genauigkeit und Robustheit der Populationsschätzung erheblich.

Die Analyse der Daten erfolgte mithilfe der Software DISTANCE, die eine modellbasierte Schätzung der Entdeckungswahrscheinlichkeit (Detection Function) ermöglicht. Dabei wird berücksichtigt, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Nest zu entdecken, mit zunehmender Entfernung zur Transektlinie abnimmt. Auf dieser Grundlage kann die tatsächliche Nestdichte im gesamten Untersuchungsgebiet statistisch zuverlässig hochgerechnet werden.

Abbildung 8: Die räumliche Verteilung der Schimpansennester basierend auf der Zählung: Grüne Nester sind frisch, gelbe alt, orange neueren Datums und rote sehr alt. © JGI

Unter Einbezug der Nestdichte, der geschätzten Nestproduktionsrate sowie der Nestzerfallsrate ergibt sich eine Populationsschätzung von rund 426 Schimpansen. Unter Berücksichtigung statistischer Unsicherheiten liegt die tatsächliche Anzahl mit 95% Wahrscheinlichkeit zwischen 283 und 641 Individuen. Dies entspricht einer mittleren Dichte von etwa 1.33 Individuen pro km².

Die gemessene Dichte liegt unter den Werten, die aus besonders produktiven Tieflandwäldern bekannt sind, wo Dichten von etwa 2 bis 5 Individuen pro km² erreicht werden können. Dies ist jedoch gut erklärbar, da montane Regenwälder wie Bwindi aufgrund ihrer Topografie und geringeren Fruchtverfügbarkeit in der Regel niedrigere Dichten aufweisen. Die Ergebnisse entsprechen damit den ökologischen Erwartungen für diesen Lebensraumtyp.

Die vorliegenden Resultate stellen eine wissenschaftlich belastbare Ausgangsbasis dar, um zukünftige Veränderungen der Population im Rahmen eines standardisierten Monitorings zu erfassen und darauf abgestützte Schutzmassnahmen zu entwickeln.

Lebensraum-Modellierung der Schimpansen und Berggorillas

Neben der eigentlichen Zählung wurde auch untersucht, wo sich Schimpansen und Berggorillas bevorzugt aufhalten und welche Umweltfaktoren ihre Verbreitung beeinflussen.

Parallel zur Schimpansenzählung wurde im selben Gebiet auch eine Berggorillazählung durchgeführt, allerdings von spezialisierten Teams mit langjähriger Erfahrung in der Erfassung von Berggorillas. Für die vorliegende Analyse konnten die erhobenen Daten zu Berggorillanestern genutzt werden, wodurch erstmals ein direkter Vergleich der Lebensraumnutzung beider Menschenaffenarten möglich wurde.

Dazu wurden die im Feld erhobenen Daten mit modernen Satelliten- und Fernerkundungsdaten kombiniert. In die Analyse flossen unter anderem Informationen zu:

  • Vegetation und Waldtypen
  • Geländeform, Hangneigung und Höhenlage
  • Struktur des Waldes, also die Dichte und Komplexität des Blätterdachs

Diese Daten stammen aus verschiedenen Satelliten- und Sensormessungen und ermöglichen es, den gesamten Wald flächendeckend zu analysieren – auch in Gebieten, die im Feld nur schwer zugänglich sind.

Auf dieser Grundlage wurde ein Modell entwickelt, das zeigt, welche Lebensräume für Schimpansen und Berggorillas besonders geeignet sind. Die Ergebnisse machen deutlich, dass beide Arten im Bwindi-Wald nicht gleichmässig verteilt sind, sondern unterschiedliche Bereiche bevorzugen – abhängig von Faktoren wie Nahrungsverfügbarkeit, Waldstruktur und Höhenlage (Abbildung 9).

Abbildung 9: Vorkommenskarten von Schimpansen (a) und Berggorillas (b), erstellt auf Grundlage von Felddaten aus den Schimpansen- und Berggorillaerhebungen sowie prädiktiven Variablen wie Maxar-DSM, Baumhöhe, Hangneigung, Distanz zu steilen Hängen, Distanz zu Wasser und WSCI (Weighted Sum of Conservation Importance). © JGI

Warum diese Analyse wichtig ist

Die Lebensraum-Modellierung ergänzt die eigentliche Zählung in entscheidender Weise. Während die Zählung aufzeigt, wie viele Schimpansen im Gebiet leben, liefert die Modellierung die Antwort auf eine ebenso wichtige Frage: wo sie leben und warum gerade dort.

Erst durch diese Kombination entsteht ein umfassendes Verständnis der Population und ihrer ökologischen Zusammenhänge. Die Analyse macht sichtbar, welche Faktoren – wie Nahrungsverfügbarkeit, Waldstruktur und Höhenlage – die Verteilung der Schimpansen beeinflussen und welche Gebiete für ihr Überleben besonders wichtig sind.

Dies ermöglicht:

  • die Identifikation von zentralen Kernlebensräumen, die für den langfristigen Erhalt der Population entscheidend sind
  • ein vertieftes Verständnis der ökologischen Ansprüche der Schimpansen
  • die gezielte Planung und Priorisierung von Schutz- und Managementmassnahmen

Darüber hinaus schafft die Modellierung eine wichtige Grundlage, um zukünftige Veränderungen im Lebensraum frühzeitig zu erkennen – etwa durch Klimawandel, menschliche Einflüsse oder natürliche Dynamiken im Wald.

Kurz gesagt:
Die Zählung zeigt, wie viele Schimpansen es gibt – die Modellierung zeigt, wie wir sie am besten schützen können.

Ausblick: Zukünftige Forschung im Bwindi-Wald

Mit der abgeschlossenen Schimpansenzählung ist ein wichtiger Meilenstein erreicht – gleichzeitig markiert sie den Beginn einer neuen Phase der Forschung.

Ein zentraler nächster Schritt ist der Aufbau eines langfristigen Monitorings, mit dem die Entwicklung der Schimpansenpopulation in regelmässigen Abständen erfasst werden kann. Nur durch wiederholte Erhebungen lassen sich Trends erkennen und Veränderungen frühzeitig identifizieren.

Darüber hinaus besteht weiterer Forschungsbedarf in mehreren Schlüsselbereichen:

  • Nestzerfallsraten:
    Die Dauer, während der Schimpansennester sichtbar bleiben, variiert je nach Umweltbedingungen. Insbesondere die Höhenlage könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Standort- und höhenspezifische Untersuchungen würden die Genauigkeit zukünftiger Populationsschätzungen weiter verbessern.
  • Nestproduktionsrate:
    Durch die Kombination von Methoden konnten erste lokale Schätzungen gewonnen werden. Weitere Studien könnten diese Parameter noch präziser bestimmen und saisonale Unterschiede untersuchen.
  • Habitatnutzung und Verbreitung:
    Die Lebensraum-Modellierung liefert erste wichtige Erkenntnisse darüber, wo sich Schimpansen bevorzugt aufhalten. Zukünftige Arbeiten können diese Modelle weiter verfeinern und Veränderungen im Lebensraum langfristig verfolgen.
  • Gesundheitsüberwachung (One Health):
    Die Nähe zwischen Menschen, Gorillas und Schimpansen birgt Risiken für Krankheitsübertragungen. Die systematische Überwachung der Gesundheit von Wildtieren gewinnt daher zunehmend an Bedeutung.

Diese Forschungsschwerpunkte werden dazu beitragen, ein noch umfassenderes Verständnis der Schimpansenpopulation im Bwindi-Wald zu entwickeln und den Schutz dieser Tiere gezielt zu stärken.

Forschung schafft die Grundlage für Schutz – doch nur gemeinsam können wir diese Erkenntnisse in konkrete Massnahmen umsetzen. Mit Ihrer Unterstützung sichern wir die Zukunft der Schimpansen im Bwindi-Wald.

Box 1 — Vergleich: Schimpansen & Berggorillas

Schimpansen und Berggorillas leben im selben Wald, nutzen ihn jedoch auf unterschiedliche Weise.

Schimpansen bevorzugen

  • Mittlere bis tiefere Lagen
  • Strukturreiche Wälder mit komplexem Kronendach
  • Gebiete mit hoher Fruchtverfügbarkeit
  • Übergangszonen zwischen verschiedenen Waldtypen
Mobil · Früchte als Hauptnahrung

Berggorillas bevorzugen

  • Höhere, kühlere Lagen
  • Dichte Vegetation am Waldboden
  • Gebiete mit Blättern, Kräutern und Trieben
Weniger mobil · Blattnahrung

Warum ist das wichtig? Diese unterschiedlichen Ansprüche ermöglichen es beiden Arten, im selben Wald zu leben, ohne direkt miteinander zu konkurrieren. Gleichzeitig zeigt dieser Vergleich, dass verschiedene Lebensräume innerhalb des Waldes geschützt werden müssen.

Box 2 — Forschung als Schutzgrundlage

Forschung ist eine zentrale Grundlage für wirksamen Naturschutz. Erfolgreiche Schutzmassnahmen entstehen vor allem dort, wo Ökosysteme über lange Zeit wissenschaftlich begleitet werden.

Ohne diese Daten bleibt Naturschutz oft unspezifisch und weniger wirksam. Erst durch kontinuierliche Forschung wird sichtbar, wie Tierpopulationen auf Umweltveränderungen reagieren.

Studien aus dem Kibale Nationalpark zeigen: Die kontinuierliche Präsenz von Forschenden und Rangern hat einen direkten Schutzeffekt — sie wirkt abschreckend auf Wilderei und trägt messbar zur Stabilisierung von Tierpopulationen bei.

Kurz gesagt: Forschung liefert nicht nur das Wissen, sondern schafft durch ihre Präsenz vor Ort auch unmittelbaren Schutz für bedrohte Arten.

"Forschung schafft die Grundlage für Schutz – doch nur gemeinsam können wir diese Erkenntnisse in konkrete Massnahmen umsetzen. Mit Ihrer Unterstützung sichern wir die Zukunft der Schimpansen im Bwindi-Wald."

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