Soziale Beziehungen zwischen wilden Schimpansen und Gorillas

Soziale Beziehungen zwischen wilden Schimpansen und Gorillas
18/02/2023 Rahel Noser

Wilde Schimpansen und Gorillas verbindet nicht nur eine gemeinsame evolutionäre Vergangenheit, sondern auch eine ausgesprochene Schwäche für reife Feigen. Und das hat weitreichende Folgen.

Feigenbäume machen es den Menschenaffen nämlich nicht leicht. Sie stehen im Regenwald weit auseinander. Jeder Baum produziert in unregelmässigen Abständen unabhängig von seinen Artgenossen reife Früchte. Und sind die Feigen in einem Baum endlich reif, so bleiben sie nur ganz kurz an ihrem Platz, meist sind sie nach 3-4 Tagen wieder verschwunden. Es braucht also einiges an Köpfchen, damit die Menschenaffen in ihren grossen Streifgbieten zur rechten Zeit am richtigen Ort sind.

Schimpansen sind Experten darin, reife Feigen in ihrem Streifgebiet zu lokalisieren (1). Und sie sind laut: Untergruppen teilen mit ihren weit hörbaren Rufen den anderen mit, wenn sie diese Delikatessen gefunden haben.

Und die Gorillas sind smart: Sie verstehen offenbar die Futterrufe der Schimpansen und ändern ihre Laufrichtung, wenn sie sie hören – und gehen direkt auf die Rufenden zu. Darum sind Vertreter beider Arten oft zur gleichen Zeit am gleichen Ort – manchmal sind es zufällige Begegnungen, oft aber sind süsse Früchte für solche Treffen verantwortlich.

Eine Studie, die Ende 2022 erschien (2), gründet diese und weitere Beobachtungen auf über 20 Jahre Beobachtungen von Gorillas und Schimpansen im Nouabalé-Ndoki-Nationalpark in der Republik Kongo. Sie zeigt erstmals, wie vielschichtig die Beziehungen zwischen wilden Gorillas und Schimpansen sein können: Selten aggressiv (3), oft neutral und manchmal auch richtig freundlich.

Bemerkenswert ist, dass einzelne Gorillas und Schimpansen offenbar dauerhafte soziale Beziehungen miteinander pflegen – manche dauerten Jahre. Die Forschenden beobachteten, dass gewisse Individuen der einen Art aktiv bestimmte Individuen der anderen Art suchten, um dann zum Beispiel mit diesem zu spielen (4). Ausserdem wurden Schimpansen beobachtet, die sich auf die Brust trommelten – ganz so, wie es männliche Gorillas tun.

Doch das enge Zusammenleben bringt nicht nur Freundschaften, sondern birgt auch Risiken: Schimpansen und Gorillas sind eng miteinander verwandt. Viele Krankheitserreger können zwischen den Arten hin- und herspringen – wie auch zwischen den Menschenaffen und den Menschen. Ebola zum Beispiel hatte in der Vergangenheit verheerende Auswirkungen auf die Menschenaffenpopulationen und Menschen in Zentralafrika. Vor etwas mehr als 20 Jahren trat Ebola bei wilden Menschenaffen auf und breitete sich dann auf den Menschen aus. Einigen Schätzungen zufolge hat diese Welle des Ebola-Virus ein Drittel der Schimpansen und Gorillas auf der Welt ausgelöscht.

Schimpansen und Gorillas werden seit mehr als 60 Jahren erforscht. Und immer noch geben sie spannende Geheimnisse preis. Wenn wir möchten, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder sich an ihnen – unseren nächsten Verwandten im Tierreich – freuen können, müssen wir das Aussterben dieser wundervollen, aber gefährdeten Arten verhindern.

(1) www.mpg.de/8714641/schimpansen_planen_ihr_essen

(2) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/3614795

(3) Southern, L.M., Deschner, T., and Pika, S. (2021).Lethal coalitionary attacks of chimpanzees (Pan troglodytes troglodytes) on gorillas (Gorilla gorilla gorilla) in the wild. Sci. Rep. 11, 14673.

(4) In Gombe spielen junge Schimpansen übrigens auch mit Pavianen. Ob sie diese allerdings persönlich kennen, entzieht sich unserer Kenntnis.